Mittwoch, 18. April 2012

Der Blog ist "umgezogen"

Unser neuer Blog unter blog.ippnw.de
Liebe IPPNW-Blog-Leserinnen und -Leser,

unser Blog ist auf einen anderen Server umgezogen und wird von nun ab mit der freien Software "Wordpress" betrieben. Der Grund: Wir wollten unseren Blog nicht mehr auf einer von Google betriebenen Plattform wie "Blogger" betreiben, sondern unabhängig von Drittanbietern und deren Datensammelwut sein.

Auf dieser Seite werden ab jetzt keine neuen Beiträge mehr veröffentlicht. Alle Beiträge aus diesem Blog haben wir außerdem auch in den neuen Blog übertragen. Da sich aber die Kommentare nicht übertragen lassen, werden wir diese Seite so erhalten, wie sie ist.

Wir hoffen, Euch gefällt der neue Blog! Ihr findet ihn unter: blog.ippnw.de

Samantha Staudte (IPPNW-Verantwortliche für Social Media)

Montag, 9. April 2012

Adelante!

Matthias Jochheim,
IPPNW-Vorstandsvorsitzender
Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,
ich war kürzlich in Nicaragua, habe die Frankfurter Partnerstadt Granada besucht und in der Hauptstadt Managua unseren Kollegen Dr. Antonio Jarquin getroffen. Antonio ist Arzt und Soziologe, und Mitglied im internationalen Vorstand unserer Ärzteorganisation IPPNW. Er arbeitet in einem spannenden Forschungsprojekt lateinamerikanischer und europäischer Sozialwissenschaftler mit, das sie „Internationales Observatorium der globalen Krise“ genannt haben. Es geht um die Erforschung der wesentlichen Ursachen der heutigen Weltkrise, und aber auch um sehr konkrete Empfehlungen, welche Maßnahmen dagegen ergriffen werden sollten. Progressive Regierungen in Lateinamerika sind sehr interessiert an den Ergebnissen dieser Arbeit, und in Europa besteht Austausch und Kontakt zum Beispiel mit dem prominenten Friedensforscher Johan Galtung und seiner Gruppe.
Wenn wir die heutige Weltlage verstehen wollen, müssen wir in der Tat das Zusammenwirken, die gegenseitige Verstärkung mehrerer gleichzeitig wirksamer globaler Probleme ins Auge fassen:
  • eine internationale Finanzkrise nicht nur in der Europäischen Union, sondern auch des dominierenden Zentrums der aktuellen Weltwirtschaft, den USA. Es ist nicht zufällig, dass diese ökonomische Krise geschichtliche Erinnerungen hervorruft an die Weltwirtschaftskrise des vorigen Jahrhunderts, die letztlich in den 2.Weltkrieg mündete.
  • Eine zweite Krise hat ihre Schatten schon vorausgeworfen: eine Energiekrise, die mit der absehbaren Erschöpfung der nutzbaren Rohölvorräte zusammenhängt. Schon heute werden die Vorräte unter immer riskanteren Bedingungen angezapft, und gewaltige Umweltkatastrophen wie unlängst im Golf von Mexiko provoziert. Umweltverträgliche Energienutzung wie Solar- und Windenergie dagegen wird in ihrem Ausbau gebremst, wie aktuell durch die Kürzung der Förderung, die das Bundesfinanzministerium vorhat.
  • Mit der Energieproduktion unmittelbar verknüpft ist eine weitere wahrhaft globale Krise, gegen die ganz unzureichende Gegenmaßnahmen ergriffen werden: der durch die Verbrennung fossiler Energieträger verursachte Klimawandel, der schon jetzt mit Sturm- und Flutkatastrophen ein noch viel schlimmeres globales Desaster ankündigt, welches uns in den nächsten Jahrzehnten droht.
  • Mit der Energiekrise zunehmend verknüpft ist eine weitere schlimme Not von jetzt bereits rund einer Milliarde Menschen, die nicht in ausreichender Menge mit den unbedingt notwendigen Nahrungsmitteln versorgt sind. Die globale Weltunordnung tötet jeden Tag unzählige Kinder durch Verhungern, während Automobile auf Antriebsstoffe aus landwirtschaftlicher Produktion umgestellt werden.
Der große deutsche Schriftsteller Thomas Mann hat schon darauf hingewiesen: Wenn die dringenden gesellschaftlichen Probleme nicht angegangen werden sollen, greifen unverantwortliche Regierungen zum Mittel des Krieges, um ihre Herrschaft gegenüber dem gesellschaftlichen Druck zu stabilisieren. Wir erleben es heute besonders in der Region des Nahen und Mittleren Ostens: Statt notwendigen gesellschaftlichen Wandel in den arabischen Ländern respektvoll zu unterstützen, suchen imperiale Strategen nach Chancen, dort ihre Militärmacht zum Einsatz zu bringen. Die Ergebnisse solcher angeblicher „Menschenrechts-Interventionen“ sind desaströs, wie wir in Irak und Afghanistan, aber zuletzt auch in Libyen beobachten müssen.
Wir haben uns heute hier versammelt, weil wir uns aktiv einmischen in das Weltgeschehen. „Denke global, handle lokal“, dieses Motto gehört zu den bewährten Prinzipien unserer Friedensbewegung. Vernetztes Denken und Handeln, Kooperation über die nationalen Grenzen und über die unterschiedlichen Themenfelder hinweg ist ein weiteres wichtiges Prinzip.
  • Unsere IPPNW engagiert sich zentral weiterhin für die Verhütung eines Atomkriegs, und das muss für uns wesentlich heißen: für die Abschaffung aller Atomwaffen weltweit. Hier müssen wir damit anfangen, und endlich die verbliebenen US-Nuklearbomben auf deutschen Luftwaffenstützpunkten demontieren, statt wie geplant, sogar eine Modernisierung dieser Massenvernichtungsmittel zu planen!
  • Wir treten ein für eine UN-Konvention, die Nuklearwaffen international ächten soll, entsprechend dem Verbot von Streuminen, welches bereits gültiges internationales Recht darstellt – wenn auch nicht von allen Mächten respektiert.
  • Wir setzen uns ein gegen alle Kriege, mit dem Ziel, die Charta der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1948 endliche Wirklichkeit werden zu lassen, nämlich den Krieg als eine Geißel der Menschheit zu überwinden – so wie es der Menschheit gelungen ist, Pest und Pocken als Massenkrankheiten zu eliminieren.
  • „Aufstehen für die Menschlichkeit“ hat uns Horst-Eberhard Richter als Devise mit auf den Weg gegeben. Wir tun dies auch, indem wir uns für die Rechte von Flüchtlingen und Migranten hier in Deutschland aktiv einsetzen, Menschen, die häufig in unser Land kommen, weil die Mächte des Nordens an der Zerstörung ihrer Lebensbedingungen mitgewirkt haben. Auch die Unterstützung der Migranten ist deshalb für uns ein Stück aktive, praktische Friedensarbeit.
  • Und wir klären auf über den Zwillingsbruder der Atombombe, die sogenannte friedliche Atomenergie, deren Unbeherrschbarkeit längst erwiesen ist. Wir haben erlebt, dass die massive Mobilisierung der Bürger in Deutschland, eine über Jahrzehnte aktive Bewegung die Bundesregierung schließlich zwingen konnte, den Ausstieg aus dieser desaströsen Form der Energieproduktion zu erklären. Wir werden wachsam bleiben, ob die Taten den Bekundungen entsprechen werden.
Liebe Freundinnen und Freunde,
unsere Arbeit erfordert einen langen Atem. Wenn unsere nicaraguanischen Freunde eine schwierige Wegstrecke vor sich haben, rufen sie mit Festigkeit:
Adelante! Das heißt: vorwärts!

Samstag, 7. April 2012

Atomkraft ist ein Verbrechen an den nachfolgenden Generationen

Winfrid Eisenberg, IPPNW
1960 gab es die ersten Ostermärsche der Atomwaffengegner in Deutschland, jedes Jahr wurden es mehr. Zusammen mit einigen Freunden habe ich vor genau 50 Jahren, Ostern 1962, einen 25-km-Marsch von meiner Heimatstadt Hanau nach Frankfurt organisiert. Die Ostermarsch-Idee kam aus England, wo seit 1958 die berühmten Aldermaston-Märsche stattfanden, von der Atomwaffenfabrik Aldermaston über 83 km nach London, organisiert von der CND = Campaign for Nuclear Disarmament = Kampagne für nukleare Abrüstung.

Nach dem Ende des Kalten Krieges, in dem West und Ost sich unablässig die atomare Vernichtung angedroht hatten, verschwand die Gefahr durch Atombomben leider nicht. Gesetzwidrig lagern in Deutschland, auf dem Fliegerhorst Büchel in der Eifel, noch immer 20 Atombomben des Typs B 61, von denen jede eine Sprengkraft von 340 Kilotonnen TNT hat, das ist das 27-Fache der Hiroshimabombe. Die in Büchel befindlichen Sprengköpfe haben also zusammen eine Zerstörungskraft von 540 Hiroshimabomben. Niemand kann erklären, zu welchem Zweck die hier in unserem Land sind.

Vor zwei Jahren hat der Bundestag mit großer fraktionsübergreifender Mehrheit beschlossen, dass die letzten Atomwaffen, „Relikte des Kalten Krieges“ (Westerwelle), sofort aus Deutschland abgezogen werden sollen. Aber die USA wollen die Bücheler Bomben stattdessen „modernisieren“, was auch immer das heißen mag. Wenn wir die nukleare Abrüstung von den Atomwaffenstaaten einfordern, müssen wir gleichzeitig vor der eigenen Tür kehren: Deutsche Düsenjägerpiloten sollen Übungsflüge mit Atombomben-Attrappen verweigern. Wir wollen keine „nukleare Teilhabe“. Wir verlangen den Abzug der Bomben aus Büchel.

Seit dem Ende des 2. Weltkriegs wurde die Parole „Atoms for Peace“, Friedensatome, ausgegeben. Die gewaltige Energie, die bei der Atomkernspaltung entsteht, sollte gebändigt und kontrolliert zur Stromerzeugung genutzt werden. Atomwaffen und Atomenergie bleiben aber die beiden Seiten der gleichen Medaille – Länder, die Atomkraftwerke betreiben, sind früher oder später auch in der Lage, Atombomben zu bauen. Die angeblich friedliche Atomenergie ist der Türöffner für die Bombe.

Die Desinformation über diese Zusammenhänge war in Japan offenbar optimal gelungen. Schon den Schulkindern wurde eingetrichtert, das Hiroshima-Atom sei „böse“ gewesen, aber das Kraftwerks-Atom sei „gut“ und unverzichtbar. So hat die internationale Atomlobby im erdbebengeschüttelten Inselstaat Japan 54 Atomreaktoren gebaut und der Bevölkerung eingeredet, die seien absolut sicher.

Fukushima hat diese Lügen auf grausame Weise beendet. Zur Zeit läuft in Japan nur ein einziger Reaktor, der im Mai auch abgeschaltet werden soll. Dann ist Japan vorerst atomstromfrei! Die Lichter sind nicht ausgegangen. Die langen Küsten und die Gebirgszüge bieten allerbeste Voraussetzungen für Windenergie, die nun mit erheblicher Verspätung endlich geplant und ausgebaut wird.

Horst-Eberhard Richter, einer der IPPNW-Gründer und Ehrenmitglied, im Dezember im Alter von 88 Jahren verstorben, hat in seiner letzten großen Rede gesagt: „Fukushima lässt uns für den Wahn büßen, die atomaren Gewalten berechenbar und beherrschbar machen zu können.“

Die angeblich friedliche Atomenergie bedroht nicht nur bei den großen Katastrophen -  Windscale, Harrisburg, Tschernobyl, Fukushima - alles Leben auf unserer Erde. Nein, die gesamte „Nukleare Kette“ vom Uranbergbau über die Uranverarbeitung, die weltweiten Atomtransporte, die alltäglichen Radionuklid-Emissionen aus den Reaktoren bis hin zum unlösbaren Problem des strahlenden Mülls - das alles ist ein Verbrechen an den nachfolgenden Generationen.

Atomkraftwerke sind ebenso gefährlich wie überflüssig. Es ist höchste Zeit, dass wir uns ein für alle Mal von der Atomkernspaltung verabschieden. Unseren Strom wollen wir zu 100 % aus dezentralen erneuerbaren Energiequellen gewinnen. Das ist viel früher als 2022 erreichbar, wenn die Weichen entsprechend gestellt werden. Wir sind, oder besser: Wir waren auf einem guten Weg dahin. Offenbar fühlten sich die großen Energiekonzerne vom spektakulären Sonnen- und Windenergie-Ausbau durch Bürgerinnen, Bürger und Genossenschaften bedroht. Das ist der Grund dafür, dass die derzeitige Regierung in Gestalt der Herren Rösler und Röttgen die Energiewende gnadenlos auszubremsen versucht, indem die Einspeise-Vergütungen so stark und so schnell reduziert werden, dass ein Windrad auf dem Acker oder eine Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach privat kaum mehr bezahlt werden kann. Darüber hinaus wird in einer perfiden Kampagne behauptet, die Strompreissteigerungen würden durch die Fotovoltaik verursacht – das ist einfach gelogen. In Wirklichkeit erhöhen die großen Konzerne Eon, RWE & Co auf den Schultern der Haushalte skrupellos ihre Gewinnspannen. Die bis vor Kurzem boomende mittelständische Wind- und Sonnen-Industrie ist jetzt ebenso wie die schnelle Energiewende ernsthaft bedroht. Die Regierung setzt unter Umgehung des eigentlich zuständigen Parlaments das EEG (Erneuerbare Energien Gesetz) weitgehend außer Kraft. Es scheint, dass die Stromkonzerne als Gegenleistung für den Atomausstieg durch besonders geförderte milliardenschwere Großprojekte wie Offshore-Windparks und Desertec – Wüstenstrom hofiert und bei Laune gehalten werden sollen.

Das dürfen wir uns nicht bieten lassen! Wir müssen die beschriebenen Zusammenhänge immer wieder geduldig erklären, die Verwendung nuklearer und fossiler Brennstoffe aufgeben und auf der schnellen Energiewende beharren, bis sie vollständig gelungen ist.

Winfrid Eisenberg ist Kinderartz und IPPNW-Mitglied