Sonntag, 13. März 2011

Tschernobyl gestern, Fukushima heute, Biblis morgen?


Rund 100 ÄrztInnen, MedizinstudentInnen, Fördermitglieder und MitarbeiterInnen der deutschen IPPNW trafen sich am Wochenende in Frankfurt am Main zu einem Jahrestreffen mit der üblichen Tagesordnung: einer Mischung von Regularien, Vorstandswahl, Vorträgen und Workshops. Am Samstagvormittag war jedoch klar: die Tagesordnung muss gekippt werden. Eine kleine Krisengruppe bildete sich in einem Hinterzimmer, ausgestattet mit Laptops, mobilem Internetzugang und Handys und begann die mühsame Aufgabe, Informationen über das atomare Desaster im Fukushima zu sammeln und auszuwerten. Es hatte eine Explosion in einem der Reaktoren gegeben, hieß es in einer Mail von einer japanischen Kollegin. Die Wände und das Dach seien bereits eingestürzt. War die Betonhülle schon kaputt? Wie viel Radioaktivität hatte sich im Kern angesammelt und wie viel wurde jetzt freigesetzt? Hatte die Kernschmelze schon statt gefunden? Die Medien widersprachen sich ständig, niemand wusste mit Sicherheit was passiert ist. Wir tappten im Dunkeln.

Eins war schon klar, wir mussten reagieren. Die erste Pressemitteilung wurde geschrieben, die Medien angerufen, Interviews wurden angeboten. Die IPPNW-Mitglieder teilten sich in Kleingruppen auf und berieten, was zu tun sei. Ganz schnell entstand ein Konsens: Wir müssen raus auf die Straße und demonstrieren. Alle machten sich an die Arbeit: Ballons aufpusten, „nukleare“ Schirme verteilen, Transparente von den Wänden abhängen, Flyer von den Infotischen zum Verteilen mitnehmen.

An der Hauptwache sammelten wir uns und gaben für die Fernsehkameras ein beeindruckendes Bild ab mit Bannern, Ballons und Schirmen. Nicht genug: die scheidende Vorsitzende, Angelika Claußen, schlug Parolen vor, die wir rufen sollten. „Atomkraftwerke abschalten!“ „Atomenergie – basta!“. Dann übernahm Alex Rosen, ein junger Arzt aus Dortmund, die Leitung und begann, noch kreativer zu werden. Er rief „Tschernobyl gestern, Fukushima heute, Biblis morgen?“ und innerhalb kurzer Zeit stimmten wir alle ein.

Unser Glück war, dass wir alle zusammen waren. IPPNW-ExpertInnen zu Atomenergie – Henrik Paulitz, Angelika Claußen, Reinhold Thiel, Winfrid Eisenberg – konnten schnell als AnsprechpartnerInnen von unserer Pressereferentin Angelika Wilmen an die Medien vermittelt werden. Die Zahl der Anfragen war enorm. Es wurde schnell klar, dass sich weitere Mitglieder zur Verfügung stellen mussten. Diese wurden schnell gebrieft und haben ebenfalls Interviews gegeben. Ich musste die englischsprachigen Anfragen bedienen und fuhr mehrmals mit dem Taxi hin und her zum Fernsehstudio, erhielt eine schnelle Maske, und meine Aussage wurde weltweit übertragen.

Das Hauptproblem war die Aussage selbst. Während die Fragen natürlich immer auf die Geschehnisse in Japan fokussierten, konnten wir relativ wenig mit Sicherheit dazu sagen, da die Informationen so spärlich und widersprüchlich waren. Klar war, die einzige Hilfe – zumindest gegen Schildrüsenkrebs – wäre große Mengen Jod zu schlucken. Aber es war dafür wahrscheinlich schon zu spät, wenn Radioaktivität bereits freigesetzt wurde. Dann hilft nur Evakuierung, aber die Frage des Umkreises blieb für uns offen. 20 km war bestimmt nicht ausreichend vor allem wenn eine Kernschmelze im Gange wäre. Kinder und schwangere Frauen hätten Vorrang, da sie die größte Empfindlichkeit gegenüber Strahlung haben und daher am heftigsten betroffen wären.

Die wichtigste Aussage war für uns alle doch klar: die Nutzung der Atomenergie, sei es zivil oder militärisch, von Uranabbau bis zur kontrollierten oder unkontrollierten Kettenreaktion, bedroht das Leben und muss beendet werden. Es reicht nicht, die AKWs auf ihre Sicherheit hin zu prüfen. Die Atomenergie ist kein Auslaufmodell, sondern ein Killer, eine unbeherrschbare Risikotechnologie. Alle AKWs müssen abgeschaltet werden.

Der Mensch hat keine natürlichen Feinde mehr, also hat er einen erfunden. Reicht es uns nicht aus, gegen die Natur zu kämpfen und so weit mit unseren Emissionen zu verpesten, dass wir uns unser Klima zum Feind machen? Müssen wir noch dazu uns selbst mit radioaktiver Verseuchung bedrohen? Sind die Bilder von Naturkatastrophen nicht genug, müssen wir auch noch den Super-GAU noch einmal erleben? Nicht nur die Strahlung, sondern die Dummheit der Menschen kennt offensichtlich keine Grenzen.

Heute stehen wir – bereits schon müde von unseren Anstrengungen gestern – in den Startlöchern. Das Desaster ist offenbar noch nicht zu Ende. Der Drache hat sein Maul aufgemacht, das nukleare Feuer ist jedoch noch in seinem Rachen. Wenn er beginnt Feuer zu spucken, werden wir nur hilflos zuschauen können. Wir bleiben gebannt vor unseren Bildschirmen und sehen zu, wie die Menschen sterben. Es hilft nur eins – die Stimme erheben und ein Ende des Wahnsinns mit aller Kraft fordern. Sie hören von uns.

Xanthe Hall, Abrüstungsreferentin für IPPNW Deutschland

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