Samstag, 7. April 2012

Atomkraft ist ein Verbrechen an den nachfolgenden Generationen

Winfrid Eisenberg, IPPNW
1960 gab es die ersten Ostermärsche der Atomwaffengegner in Deutschland, jedes Jahr wurden es mehr. Zusammen mit einigen Freunden habe ich vor genau 50 Jahren, Ostern 1962, einen 25-km-Marsch von meiner Heimatstadt Hanau nach Frankfurt organisiert. Die Ostermarsch-Idee kam aus England, wo seit 1958 die berühmten Aldermaston-Märsche stattfanden, von der Atomwaffenfabrik Aldermaston über 83 km nach London, organisiert von der CND = Campaign for Nuclear Disarmament = Kampagne für nukleare Abrüstung.

Nach dem Ende des Kalten Krieges, in dem West und Ost sich unablässig die atomare Vernichtung angedroht hatten, verschwand die Gefahr durch Atombomben leider nicht. Gesetzwidrig lagern in Deutschland, auf dem Fliegerhorst Büchel in der Eifel, noch immer 20 Atombomben des Typs B 61, von denen jede eine Sprengkraft von 340 Kilotonnen TNT hat, das ist das 27-Fache der Hiroshimabombe. Die in Büchel befindlichen Sprengköpfe haben also zusammen eine Zerstörungskraft von 540 Hiroshimabomben. Niemand kann erklären, zu welchem Zweck die hier in unserem Land sind.

Vor zwei Jahren hat der Bundestag mit großer fraktionsübergreifender Mehrheit beschlossen, dass die letzten Atomwaffen, „Relikte des Kalten Krieges“ (Westerwelle), sofort aus Deutschland abgezogen werden sollen. Aber die USA wollen die Bücheler Bomben stattdessen „modernisieren“, was auch immer das heißen mag. Wenn wir die nukleare Abrüstung von den Atomwaffenstaaten einfordern, müssen wir gleichzeitig vor der eigenen Tür kehren: Deutsche Düsenjägerpiloten sollen Übungsflüge mit Atombomben-Attrappen verweigern. Wir wollen keine „nukleare Teilhabe“. Wir verlangen den Abzug der Bomben aus Büchel.

Seit dem Ende des 2. Weltkriegs wurde die Parole „Atoms for Peace“, Friedensatome, ausgegeben. Die gewaltige Energie, die bei der Atomkernspaltung entsteht, sollte gebändigt und kontrolliert zur Stromerzeugung genutzt werden. Atomwaffen und Atomenergie bleiben aber die beiden Seiten der gleichen Medaille – Länder, die Atomkraftwerke betreiben, sind früher oder später auch in der Lage, Atombomben zu bauen. Die angeblich friedliche Atomenergie ist der Türöffner für die Bombe.

Die Desinformation über diese Zusammenhänge war in Japan offenbar optimal gelungen. Schon den Schulkindern wurde eingetrichtert, das Hiroshima-Atom sei „böse“ gewesen, aber das Kraftwerks-Atom sei „gut“ und unverzichtbar. So hat die internationale Atomlobby im erdbebengeschüttelten Inselstaat Japan 54 Atomreaktoren gebaut und der Bevölkerung eingeredet, die seien absolut sicher.

Fukushima hat diese Lügen auf grausame Weise beendet. Zur Zeit läuft in Japan nur ein einziger Reaktor, der im Mai auch abgeschaltet werden soll. Dann ist Japan vorerst atomstromfrei! Die Lichter sind nicht ausgegangen. Die langen Küsten und die Gebirgszüge bieten allerbeste Voraussetzungen für Windenergie, die nun mit erheblicher Verspätung endlich geplant und ausgebaut wird.

Horst-Eberhard Richter, einer der IPPNW-Gründer und Ehrenmitglied, im Dezember im Alter von 88 Jahren verstorben, hat in seiner letzten großen Rede gesagt: „Fukushima lässt uns für den Wahn büßen, die atomaren Gewalten berechenbar und beherrschbar machen zu können.“

Die angeblich friedliche Atomenergie bedroht nicht nur bei den großen Katastrophen -  Windscale, Harrisburg, Tschernobyl, Fukushima - alles Leben auf unserer Erde. Nein, die gesamte „Nukleare Kette“ vom Uranbergbau über die Uranverarbeitung, die weltweiten Atomtransporte, die alltäglichen Radionuklid-Emissionen aus den Reaktoren bis hin zum unlösbaren Problem des strahlenden Mülls - das alles ist ein Verbrechen an den nachfolgenden Generationen.

Atomkraftwerke sind ebenso gefährlich wie überflüssig. Es ist höchste Zeit, dass wir uns ein für alle Mal von der Atomkernspaltung verabschieden. Unseren Strom wollen wir zu 100 % aus dezentralen erneuerbaren Energiequellen gewinnen. Das ist viel früher als 2022 erreichbar, wenn die Weichen entsprechend gestellt werden. Wir sind, oder besser: Wir waren auf einem guten Weg dahin. Offenbar fühlten sich die großen Energiekonzerne vom spektakulären Sonnen- und Windenergie-Ausbau durch Bürgerinnen, Bürger und Genossenschaften bedroht. Das ist der Grund dafür, dass die derzeitige Regierung in Gestalt der Herren Rösler und Röttgen die Energiewende gnadenlos auszubremsen versucht, indem die Einspeise-Vergütungen so stark und so schnell reduziert werden, dass ein Windrad auf dem Acker oder eine Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach privat kaum mehr bezahlt werden kann. Darüber hinaus wird in einer perfiden Kampagne behauptet, die Strompreissteigerungen würden durch die Fotovoltaik verursacht – das ist einfach gelogen. In Wirklichkeit erhöhen die großen Konzerne Eon, RWE & Co auf den Schultern der Haushalte skrupellos ihre Gewinnspannen. Die bis vor Kurzem boomende mittelständische Wind- und Sonnen-Industrie ist jetzt ebenso wie die schnelle Energiewende ernsthaft bedroht. Die Regierung setzt unter Umgehung des eigentlich zuständigen Parlaments das EEG (Erneuerbare Energien Gesetz) weitgehend außer Kraft. Es scheint, dass die Stromkonzerne als Gegenleistung für den Atomausstieg durch besonders geförderte milliardenschwere Großprojekte wie Offshore-Windparks und Desertec – Wüstenstrom hofiert und bei Laune gehalten werden sollen.

Das dürfen wir uns nicht bieten lassen! Wir müssen die beschriebenen Zusammenhänge immer wieder geduldig erklären, die Verwendung nuklearer und fossiler Brennstoffe aufgeben und auf der schnellen Energiewende beharren, bis sie vollständig gelungen ist.

Winfrid Eisenberg ist Kinderartz und IPPNW-Mitglied

Kommentare:

  1. Sehr geehrter Hr. Eisenberg,
    als AntiAtomPirat unterstütze ich Ihr, bzw. das Anlegen der IPPNW eines Atomausstiegs mit vollem Herzen. In diesem Zusammenhang möchten wir Sie auf unsere Argumentationsseite hinweisen, welche in dieser Weise wohl einzigartig sein dürfte: http://wiki.piratenpartei.de/AntiAtomPiraten/Argumente
    Besondereres Augenmerk verdient dabei unserer Ansicht nach das von uns erarbeitete deutlich bessere Konzept für einen schnelleren und sichereren Ausstieg aus der Stromproduktion durch Kernspaltung: http://wiki.piratenpartei.de/AntiAtomPiraten/Argumente#Das_ganz_andere_Konzept_f.C3.BCr_einen_Atommausstieg Für ein offenes und ehrliches Feedback wären wir Ihnen sehr dankbar!
    mit besten Grüßen
    Logos (AntiAtomPirat)
    https://blog.piratenpartei-nrw.de/logos/?p=252

    PS:
    In ihrem Beitrag sind 3 Absätze, von „Fukushima hat diese Lügen...“ bis „Die angeblich friedliche Atomenergie bedroht...“ doppelt

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    1. Guten Tag, Antiatompirat Logos,
      Eure Argumentationsseiten und Euer Ausstiegskonzept habe ich gelesen. Da habt Ihr richtig gute und ausführliche Arbeit geleistet.
      Bezüglich des Strahlenmülls betone ich, dass das Problem, ein Endlager zu finden, aus meiner Sicht nicht ungelöst, sondern prinzipiell UNLÖSBAR ist. Welcher Wissenschaftler oder Politiker kann sich anmaßen, diesen oder jenen Ort für Millionen Jahre als "sicher" zu bezeichnen?
      Die Subventionen für den Atomstrom und die fehlende oder völlig unzureichende Haftplichtversicherung der AKW hat übrigens die IPPNW seit vielen Jahren auch immer wieder dargestellt und das Märchen vom "billigen Atomstrom" entlarvt.
      In Anerkennung Eurer Argumentationsseiten kann ich nur sagen: "Weiter so", Antiatompiraten!
      Winfrid Eisenberg

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  2. Welche Lügen hat Fukushima aufgedeckt? Ich glaube eher die von Ihnen.
    Fukushima hat gezeigt, dass ein GAU (wer hier noch ein Super vornedran setzt wie Sie in den Tags sollte sich nochmal über das Wort informieren...) nicht so schlimm ist wie ihr es euch erhofft habt. Was waren den die Auswirkungen von Fukushima?

    - Es wurde kontaminiertes Wasser ins Meer gelassen
    => Dies hatte sich binnen weniger Stunden bis zur völligen Harmlosigkeit verdünnt, also keine Gefahr

    - Die Sperrzone
    => da ist es immer amüsant wenn Leute davon reden das ein Unglück wie in Fukushima Deutschland unbewohnbar mache. Die Speerzone betrug ca. 650 km² und war nur vorrübergehend. Ein Großteil ist nun wieder nutzbar. Dies entspricht einem kleineren deutschen Landkreis.

    - Verseuchtes Essen
    => Es gab ein kurzes Handelsverbot von Fleisch, Fisch und Gemüse/Obst, dies wurde aber auch schon wieder aufgehoben.

    - Die Strahlung
    => Die Strahlung in Japan ist im Vergleich zu uns in Deutschland sehr gering. Bei uns kommt die Strahlung aber nicht von den AKW's. Die Strahlung in AKW Nähe ist geringer wie z.B. bei den hochgelobten Schönauern die auf Atomkraft verzichten. Nur weil die japanischen Grenzwerte überschritten wurden (die haben kaum Grundstrahlung weil es keinen Tagebau gibt) heißt dies nicht, dass es gefährlich ist. Die sind immer noch weit unter unseren Strahlungen.

    Wenn Sie mehr wissen wollen, dann können Sie in unserem Anti-Atomkraft_Irrtümer Lexikon so einiges Nachlesen:
    http://serinar.de/?page_id=460

    Freundliche Grüsse
    Nico

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    1. Hallo, Herr "Nico",
      Ihr aggressiver Ton beeinträchtigt von vornherein Ihre Aussagen. Niemand in der IPPNW lügt oder "erhofft sich ", dass der Super-GAU "schlimm" ist.
      Mit dem Satz "Fukushima hat diese Lügen auf grausame Weise beendet" habe ich klargestellt, dass die japanischen Reaktoren (wie alle anderen auch) nicht "absolut sicher" sind und dass "das Kraftwerks-Atom" nicht "gut und unverzichtbar" ist, wie es sich aus dem Absatz davor logisch ergibt.
      Zu Ihrer Information betr. GAU und Super-GAU (übrigens habe ich weder den einen noch den anderen Begriff in meinem Text verwendet):
      Die IAEA hat 1990 die weltweit anzuwendende Bewertungsskala INES für meldepflichtige Ereignisse in Atomanlagen eingeführt. INES = International Nuclear Event Scale. INES unterscheidet 8 Stufen von 0 bis 7. Die japanische Regierung ordnete die Katastrophe von Fukushima- Daiichi am 12.3.11 der Stufe 4 zu, am 18.3. der Stufe 5 und am 12.4. schließlich der Stufe 7. Diese ist als "katastrophaler Unfall mit schwerster Freisetzung radioaktiver Spaltprodukte" definiert, und das ist gleichbedeutend mit "Super-GAU".
      Im Pazifik werden die Radionuklide verdünnt, das ist richtig. Aber die Kehrseite der Verdünnung ist die großräumige Verteilung mit Bioakkumulation in den Nahrungsketten. Die Gesamtaktivität der in den Ozean eingeleitetn radioaktiven Spaltprodukte bleibt selbstverständlich gleich bzw. nimmt nur sehr langsam ab entsprechend den Halbwertzeiten der Nuklide.
      Was Sie noch über die Sperrzonen, das Essen und die Strahlung anmerken, ist so weit von der nordostjapanischen Wirklichkeit entfernt, dass ich jetzt nicht im Einzelnen darauf eingehe. Zur belasteten Nahrung und zur Grenzwert-Diskussion empfehle ich Ihnen den Foodwatch-Report 2011 mit dem Titel "Kalkulierter Strahlentod".

      Mit freundlichen Grüßen,
      Winfrid Eisenberg

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